AktuellesRückblickMit 80 Rosen im Schneegestöber

Mit 80 Rosen im Schneegestöber

Mit 80 Rosen im Schneegestöber

Nach den sexuellen Übergriffen zu Silvester in Köln wollten Flüchtlinge in Chemnitz ein Zeichen setzen und verteilten Blumen. Sie sorgten damit für Irritationen und erfuhren auch Abweisung


Von Julia Rau erschienen am 21.01.2016

Gestern Nachmittag versammelte sich eine Gruppe junger Flüchtlinge in Chemnitz vor der Galerie Roter Turm. Gemeinsam suchten sie dort nach Chemnitzerinnen. Die Afghanen und Syrer umkreisten etliche Frauen, hielten sie an und - schenkten ihnen Rosen. "Das ist für Liebe und Respekt", sagt Mustafa Naouf.
Der junge Syrer ist einer von einem Dutzend Schüler der Handwerkerschule am Schloßteich, die gestern in der Stadt für Aufsehen sorgten. "Die Klasse Deutsch als Fremdsprache II", sagt Klassenlehrerin Kerstin Krüger. Sie hatte die Idee, mit Blumen ein Zeichen zu setzen und zu vermitteln, dass auch Flüchtlinge Frauen respektieren. Dafür sammelte sie Geld von Freunden und kaufte 80 Rosen, die ihre Schüler dann verteilten. "Eigentlich müssten hier 20 Schüler sein", sagte sie. Aber nach Schulschluss alle beisammen zu halten, sei schwierig. Mit Rosen in der ausgestreckten Hand liefen also gestern zwölf Schüler zu Frauen, lächelten schüchtern und freuten sich, wenn jemand die Rose annahm und zurücklächelte.
"Ich finde das eine schöne Geste, ist doch niedlich wie die jungen Männer mit den Blumen hier stehen", sagte Doris Wolf, die eine Rose annahm. Seiner letzten Freundin hat Mustafa auch mal Blumen geschenkt. Diese Geste im verschneiten Chemnitz mit Fremden zu wiederholen, mache ihm nichts aus, sagte er. Ihm sei die Botschaft wichtig. "Ich will nicht, dass jeder denkt, alle Ausländer wären so wie die Kriminellen oder die, die in Köln Frauen belästigt haben", sagte er auf Englisch. Nicht jeder ließ sich davon ¸berzeugen. "Es ist nett, aber auch die sind ja nur eine kleine Gruppe von guten Beispielen", sagt Maria Paul, die eine Rose bekam. "Ich freue mich über die Blume, ich habe so etwas mal im Fernsehen gesehen", sagt Zwickauerin Daniela Schmutzler. Für Erklärungen reichten die Deutschkenntnisse der meisten Schüler noch nicht. Die Rosen mussten oft für sich sprechen. Das klappte nicht bei jedem Versuch.
Viele Frauen lehnten gewohnheitsmäßig ab, schauten weg oder machten einen Bogen um die Gruppe, weil sie vermuteten, etwas aufgeschwatzt zu bekommen. "Ich möchte keine Rose, die erfriert mir, ich gehe noch einkaufen", sagte eine Chemnitzerin ohne stehen zu bleiben. Die Jugendlichen blieben motiviert und verteilten weiter im Schneegestöber ihre Blumen. Sie lachten, steckten sich gegenseitig die Rosen zu und boten sie mit gro?en Gesten ihren Freunden an. Es war ein bisschen wie Klassenausflug mit Bachelor-Faktor. Freude und rote Köpfe, wenn hübsche Mädchen die Blumen annahmen. Aufbauendes Anstupsen, wenn einer einen Korb kassierte. Pubertät eben.
Nachdem die Hälfte verteilt war, sagte Krüger: "Sagt dazu, dass das ein Geschenk ist ." Gegen die Skepsis der meisten Passantinnen war trotzdem nicht anzukommen. Krüger übernahm am Ende das Ansprechen: "Dürfen wie Ihnen eine Rose geben, sie steht für Respekt" - "Ach so, nee, Danke". Sie war dennoch zufrieden, als nach knapp einer Stunde alle Rosen verteilt waren.

 

 

 

 

 

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